1. Leinsweiler Gespräche, Juli 1996

Am 6. und 7.7.1996 fand im Hotel Leinsweiler Hof Nahe Landau ein berufspolitisches Seminar der AGSWN statt, an dem Vertreter der mit der Notfallrettung  betrauten Ministerien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland mit Entscheidungsträgern im ärztlichen Bereich über aktuelle Probleme der präklinischen Notfallmedizin diskutierten. Die Themenkomplexe dieser Veranstaltung waren die Organisation der Leitstelle, Aufgaben des Ärztlichen Leiter Rettungsdienstes, Aufgaben des Leitenden Notarztes, Aus- und Weiterbildung der Notärzte und Rettungsassistenten, Dokumentation und Leistungserfassung im Rettungsdienst. Zu jedem Themenkomplex wurde ein kurzes Einführungsreferat von Experten gehalten und anschließend über die Problematik sehr lebhaft diskutiert. 

Als Ergebnis der Diskussion wurde festgehalten zum Thema Rettungsleitstelle, daß die Leitstelle möglichst unabhängig sein soll. Durch die Zusammenlegung von Leitstellenbereichen wäre ein effizienterer Umgang mit technischen Ressourcen und damit Einspareffekte möglich. Es wurde aber deutlich betont, daß durch eine solche Zusammenlegung kaum Personal in den Rettungsleitstellen eingespart werden kann. Die Teilnehmer sprachen sich für eine "Integrierte Leitstelle"  im Sinne einer Zusammenfassung der medizinischen Dienste, d.h. der Notfallrettung und kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes und erst in zweiter Linie für eine Zusammenlegung mit den Feuerwehren aus. Die unterschiedlichen Notrufnummern für kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und Rettungsdienst sollten dabei beibehalten werden und bei 2 verschiedenen Sachbearbeitern in der Leitstelle auflaufen, die dann bei Bedarf den Einsatz an den jeweils anderen Sachbearbeiter übergeben können. So bliebe der Bereich der Notfallrettung mit relativ spezifischen Hilfeersuchen von den oft unspezifischen Fragen an den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unberührt. 

Die Teilnehmer sprachen sich für die Schaffung eines Berufsbildes „Leitstellendisponent" aus, das als berufliche Perspektive für Rettungsassistenten nach einer Rettungsassistentenausbildung und mehrjähriger Berufserfahrung in berufsbegleitenden Aufbaukursen erreicht werden kann. In der Weiterbildung der Leitstellendisponenten wird ein intermittierender Einsatz im Rettungsdienst vor Ort nach einem Rotationssystem zum Erhalt praktisch medizinischer Kenntnisse befürwortet. 
Die Qualitätssicherung in der Rettungsleitstelle muß, soweit medizinische Fragestellungen betroffen sind, Aufgabe des Ärztlichen Leiter Rettungsdienstes sein. 
In den Diskussionen über die Aufgaben des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst wurde von den ärztlichen Diskussionsteilnehmer der Mißstand beklagt, daß die nach dem Sozialgesetzgebungsbuch V und höchstrichterlichen Urteilen zwingend erforderliche Qualitätssicherung der medizinischen Leistungen im Rettungsdienst derzeit nicht erfolgen. Diese Qualitätssicherungsmaßnahmen wären aber unbedingt erforderlich und lassen sich nur mit fachlicher Kompetenz, Unabhängigkeit vom Leistungserbringer und Weisungsbefugnis gegenüber dem im Rettungsdienst eingesetzten ärztlichen und nichtärztlichen Personal durchführen. Weiter wurde bemängelt, daß zur Zeit eine Kontrolle der Qualifikation der Notärzte und Rettungsassistenten nach Ende ihrer Ausbildung, eine Kontrolle der Weiterbildung beider Berufsgruppen und die Aufsicht über die Notkompetenz von Rettungsassistenten formell nicht geregelt ist. Bei den beteiligten Ministerien wurde ein Be-ratungsbedarf in medizinischfachlicher Hinsicht zugegeben, strittig war aber die Frage, inwieweit die Aufsichtsbehörde Weisungsbefugnisse an einen Ärztlichen Leiter Rettungsdienst abgeben kann und möchte. Nach ihrer Auffassung sind aber die Kosten für den Ärztlichen Leiter Rettungsdienst Kosten des Rettungsdienstes und müßten über die Benutzungsentgelder finanziert werden. Gleichzeitig versprechen sich die Ministerien von solchen Qualitätssicherungsmaßnahmen erhebliche Einspareffekte im Rettungsdienst. 

Bei den Diskussionen zu den Aufgaben des Leitenden Notarztes wurden zunächst die uneinheitli-chen Umsetzungen bemängelt. Um die organisatorischen Voraussetzung zum LNA-Dienst zu ver-einheitlichen und den Kollegen vor Ort gegenüber den Trägern des Rettungsdienstes eine Argumentationshilfe zu bieten, wurde von der AGSWN und den Diskussionsteilnehmern eine Musterdienstordnung erstellt. Es wurde weiter festgehalten, daß ein Alarmierungskatalog mit konkreten Einsatzindikationen für den LNA auf der Rettungsleitstelle vorliegen muß. 

Besonders lebhaft war die Diskussion über die Aus- und Weiterbildung der Notärzte. Es wurde nochmals betont, daß gerade der Bereich der Aus- und Weiterbildung des in der Notfallrettung eingesetzten Personals eine wichtige Aufgabe des Ärztlichen Leiter Rettungsdienstes darstellt. Bisher ist der Leiter des Notarztstandortes in besonderer Weise gefordert, für die Qualität der diensthabenden Kollegen zu sorgen und Mißstände abzustellen. Die Ausbildung der Notärzte sollte nach dem bundeseinheitlichen Curriculum  erfolgen, um eine vergleichbare Ausbildung zu garantieren. Unterschiedliche Auffassungen gab es zur Handhabung der Prüfung der Eingangsvoraussetzung zur Teilnahme am Kurs „Fachkunde Rettungsdienst".  Während ein Teil der Kursteilnehmer eine parallele Durchführung der theoretischen Ausbildung und praktischen Unterweisung favorisierte, wird an anderer Stelle der Nachweis praktischer Fähigkeiten zu Kursbeginn gefordert. 
Daher war es die Forderung aller Diskussionsteilnehmer, daß in einer weiteren Konsensuskonferenz auch die Eingangsvoraussetzungen zu dem Kurs der Fachkunde bundesweit vereinheitlicht werden. Des weiteren sprachen sich die Seminarteilnehmer für ein Einsatzpraktikum am Ende der Gesamtausbildung mit selbständiger notärztlicher Tätigkeit des Praktikanten unter Aufsicht und mit Eingreifmöglichkeiten des erfahrenen Notarztes aus. Es wurde bedauert, daß es derzeit keine verwaltungsrechtliche Möglichkeit gibt, den Erfolg der Fortbildung zum Fachkundenachweis abzuprüfen. Daher muß es mittelfristig das Ziel sein, eine testierfähige Weiterbildung mit realistischem Anforderungskatalog durchzusetzen. 

Zum Abschluß wurde über die Dokumentation und Leistungserfassung im Rettungsdienst diskutiert und festgehalten, daß ohne eine sinnvolle Dokumentation Qualitätsicherungsmaßnahmen nicht möglich sind. Einheitliche Dokumentationsunterlagen sind die Voraussetzung für die Vergleichbarkeit verschiedener Notarztbereich und damit die Möglichkeit interner wie externer Qualitätssicherung. Daher sprachen sich die Seminarteilnehmer für eine flächendeckende Einführung des DIVI-Notarztprotokolles aus. Mittelfristig sollte man sich um eine EDV-gestützte Datenerfassung und Auswertungen bemühen. Beispiele dazu wurden den Seminarteilnehmern vorgestellt. 

Zum Abschluß der Veranstaltung wurde die offene und sehr lebhafte Diskussion von allen Seminarteilnehmern hervorgehoben und an die AGSWN die Bitte ausgesprochen, auch zukünftig solche Veranstaltungen anzubieten. 

Dr. med. Stefan Otto 
Pressereferent der AGSWN