2. Leinsweiler Gespräche, Juli 1997

Am 18. und 19. Juli 1997 fand im Hotel Leinsweiler Hof nahe Landau das 2. Berufspolitische Seminar der agswn statt, an dem wieder Vertreter der mit den Notfallrettung betrauten Ministerien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie Entscheidungsträger aus dem ärztlichen Bereich teilnahmen. Nach Einführungsreferaten von Experten wurde über aktuelle Probleme verschiedener Bereiche der präklinischen Notfallmedizin diskutiert.

Zunächst wurden die Strukturen und Aufgaben der Leitstellen in der Zukunft erörtert. Herr Dr. B. Koch vom Institut für Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes referierte über die Ergebnisse und Schlußfolgerungen eines interdisziplinären Workshops "Leitstelle", der am 24. und 25. September 1996 in Maria Laach stattfand. Danach gibt es derzeit in der Bundesrepublik ca. 333 Rettungsdienstbereiche (1992 waren es noch über 430). Im Bundesdurchschnitt werden 46 Notfalleinsätze pro 1000 Einwohner im Jahr durchgeführt. Zu den wichtigsten Ergebnissen dieses Workshops, in dem 30 Kernthesen ausgearbeitet wurden, gehören folgende Feststellungen:

  • In einer Region darf es nur eine Leitstelle für alle dringlichen Hilfeersuchen (außer der Polizei) geben.
  • Die Aufgaben dieser Leitstelle bestehen in der Koordination, Leitung - Lenkung - Steuerung und Vermittlung der angebotenen Dienstleistungen.
  • Zu den originären Dienstleistungen einer Leitstelle gehören Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz, ärztlicher Bereitschaftsdienst, Verlegungstransporte, Kapazitätsnachweis im Notfallbereich und der Nachweis fachlich erforderlicher Dienste für die Gefahrenabwehr.
  • Die Leitstelle muß unter einer bundesweit einheitlichen Notrufnummer zu erreichen sein.
  • Die Kosten für die Leitstelle sind nach dem Verursacherprinzip unter Berücksichtigung der Vorhaltekosten aufzusplitten. * Träger der Leitstellen sollte grundsätzlich ein hoheitlicher Träger sein, die Durchführung des Leitstellendienstes sollte aber verschiedenen Betreibern offenstehen.
  • Jede Leitstelle ist mit mindestens zwei Mitarbeitern permanent zu besetzen.

In der Diskussion wurde besonders auf die Problempunkte bei der Zusammenführung von Rettungsdienst und Kassenärztlichem Bereitschaftsdienst eingegangen. Als unabdingbare Forderung wurde hier die klare Abgrenzung beider Ebenen gefordert. Nur durch eine klare Abgrenzung (sowohl medizinisch fachlich als auch politisch) zwischen Rettungsdienst und Kassenärztlichem Bereitschaftsdienst ist bei der Zusammenlegung beider Dienste in der Rettungsleitstelle auch eine Kostenreduktion möglich. Eine Zusammenarbeit zwischen beiden Bereichen in der Rettungsleitstelle erfordert aber auch eine hohe Qualifikation des Leitstellenpersonals. Es wurde diskutiert, daß - wie erste Erfahrungen gezeigt haben - die Besetzung der Rettungsleitstelle mit einem Arzt aus dem Bereich der niedergelassenen Ärzte für die Weitergabe von medizinischen Ratschlägen bei Hilfeersuchenden im Bereich des Kassenärztlichen Notfalldienstes eine Verbesserung ergeben könnte. Wichtig ist dabei auch, daß die Leitstelle als einheitlicher Kopf für alle medizinischen Hilfeersuchen zur Verfügung steht und auch wochentags einen Ansprechpartner im Bereich des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes besitzt. Ziel der Leitstelle sollte es sein, durch entsprechende hohe Qualifikation des Leitstellenpersonals, das als Mindestqualifikation eine Rettungsassistentenausbildung und eine zusätzliche Weiterbildung für die Aufgabe der Leitstelle besitzen soll, unnötige Krankenhauseinweisungen und Notarzteinsätze zu vermeiden. Neben der Qualifikation des Leitstellenpersonals ist auch die Personalstärke dahingehend auszurichten, daß dem einzelnen Mitarbeiter genügend Zeit für eine qualifizierte Notrufabfrage und die weiteren Lenkungs- und Koordinationsaufgaben bleibt.

Herr Dr. Koch vom Institut für Rettungsdienst stellte im weiteren die Ergebnisse der ersten bundesweiten Auswertungen des Leistungs- und Kostennachweises für den Rettungsdienst vor. Im Bundesdurchschnitt liegen die Vorhaltezeiten eines Rettungsmittel pro Einsatz bei ca. 4 Stunden. Die Kosten für eine Vorhaltestunde betragen ca. 90,- DM. Analysen der Ergebnisse dieses Leistungs- und Kostennachweises zeigen ganz eindeutig, daß nur eine Kostenreduktion im Rettungsdienst möglich ist, wenn man Rettungsdienst und Krankentransport als eine Einheit betrachtet. Eine Trennung beider Bereiche dagegen würde zusätzliche Kosten produzieren. 

Herr Schindler vom Rettungszweckverband Saar stellte seine Überlegungen zur Rettungsmittelbedarfsplanung auf der Grundlage eines definierten Sicherheitsniveaus vor. Die Stationierung und Vorhaltung von RTW`s kann nur nach sicherheitstechnischen Aspekten erfolgen. Die Standorte richten sich dabei nach den Hilfsfristen und der Anzahl der Notfalleinsätze. Es ist ein Sicherheitsniveau von 95 % und ein kritisches Niveau von 90 % anzunehmen. Für die Planungen der Standorte von Rettungswagen ist bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit für Rettungswagen von 35 km/h auszugehen. Krankentransporte dagegen richten sich ausschließlich nach der Nachfrage. Dabei sollte bei Krankenwagen von einer Auslastung von mindestens 60% in den Planungen ausgegangen werden. Es wurde ein EDV Programm vorgestellt, mit dem Berechnungen für ein Vorhaltesoll in Abhängigkeit von den örtlichen Gegebenheiten möglich ist. 

Nachdem im vergangenen Jahr auf dem Deutschen Ärztetag die Musterweiterbildung für eine Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" gescheitert war, war ein weiteres Ziel dieses Seminars, ein neues Konzept für eine Musterweiterbildungsordnung zu erarbeitet. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß eine solche Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" zur Steigerung der Qualität der präklinischen notärztlichen Versorgung notwendig ist. Dabei sollte von den derzeitigen Voraussetzungen für den Fachkundenachweis Rettungsdienst ausgegangen werden und dieser in eine Zusatzbezeichnung "Notfallmedizin" umgewandelt werden, damit die Möglichkeit der Abprüfbarkeit besteht. Die während dieses Seminars erarbeitete Musterweiterbildungsordnung wurde zu weiteren Beratungen an die zuständigen Gremien weitergeleitet. 

Dr. med. Stefan Otto 
Pressereferent der agswn