3. Leinsweiler Gespräche, Juli 1998

Am 10. und. 11.7. 1998 fand im Leinsweiler Hof nahe Landau zum dritten Mal ein berufspolitisches Seminar der Arbeitsgemeinschaft der Südwestdeutschen Notärzte statt. An diesem Seminar nahmen wieder Vertreter der mit der Notfallmedizin betrauten Ministerien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, Vertreter der Krankenkassen sowie Entscheidungsträger aus dem ärztlichen Bereich teil.

Zunächst wurde über die Notfallversorgung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere die Zusammenarbeit zwischen dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und dem organisiertem Rettungsdienst diskutiert. Herr Prof. Dr. Ahnefeld hielt zunächst ein sehr interessantes Einführungsreferat. Er legte dar, daß die notärztliche Hilfe nach einem BGH-Urteil von 1993 an die Hilfsfrist gebunden ist und nach dem 2. GKV-Neuordnungsgesetz nicht im Sicherstellungsauftrag der kassenärztlichen Vereinigung enthalten ist. Von dieser notärztlichen Hilfe bei Notfällen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen ist aber die Versorgung von akut, aber nicht lebensbedrohlich Erkrankten zu unterscheiden. Die Versorgung dieser ebensfalls zeitkritischen Akutfälle ist jedoch Aufgabe der kassenärztlichen Vereinigung, wobei es hier nach Aussagen von Prof. Ahnefeld noch erhebliche Defizite gibt, die die hohe Zahl von Notarzteinsätzen bei Patienten, die aufgrund von Art und Schweregrad der Erkrankung auch vom kassenärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden könnten, erklären. Daraus ergibt sich ein Modell zur Neuordnung der ärztlichen Hilfe:

  • Notfälle mit lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen, die vom Notarzt mit Fachkunde Rettungsdienst versorgt und nach der Akutversorgung ins Krankenhaus eingewiesen werden.
  • Akutfälle mit nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen, die aber zeitkritisch sind und vom kassenärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden. Hier ist die Qualifikation der Fachkunde Rettungsdienst nicht notwendig und nach der Akutversorgung wird die Entscheidung vom Arzt getroffen, ob eine Krankenhauseinweisung notwendig ist. Diese Einweisung wird dann vom nicht disponiblen Krankentransort durchgeführt.
  • Krankheitsfälle, die nicht zeitkritisch sind und vom kassenärztlichen Vertragsarzt versorgt werden. Hier ist meist eine ambulante Therapie angezeigt und eine eventuelle Krankenhauseinweisung ist zeitunkritisch und kann vom disponiblen Krankentransport durchgeführt werden.

Aus diesem Modell leitet sich aber ab, daß als Voraussetzung eine integrierende Leitstelle neben dem Notarztdienst und dem Rettungsdienst auch den kassenärztlichen Bereitschaftdienst disponiern muß. Diese integrierende Leitstelle hat eine zentrale Funktion in diesem Modell und muß dementsprechend materiell und personell ausgestattet sein und die organisatorischen Abläufe diesen Anforderungen angepaßt sein. Ganz entscheidend ist aber auch die Organisation des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, die lückenlos auch während der Sprechstundenzeiten gewährleistet sein muß. Denn auch während der Sprechstundenzeiten muß für die Leitstelle ein klar definierter Ansprechpartner für die Versorgung der Akutfälle benannt sein. 

In der Diskussion wurde Modelle vorgestellt, in denen die Zusammenarbeit zwischen dem Rettungsdienst und der kassenärztlichen Vereinigung schon sehr gut funktioniert. Es wurde aber auch festgestellt, daß es derzeit keine gesetzlichen Bestimmungen gibt, die die kassenärztliche Vereinigung zwingt, ihren Bereitschaftsdienst - wie in diesem Modell vorgestellt - zu organisieren und über die Leitstelle zu koordinieren. Derzeit wird dagegen gerade während der Sprechstundenzeit der Notarzt als "Ausputzer" für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst mißbraucht, was die "relative Fehleinsatzquote eindeutig belegt. Es wurde aber auch in der Diskussion die Frage gestellt, ob die kassenärztliche Vereinigung ihren Versorgungsauftrag bei Akutkranken während der Sprechstundenzeiten überhaupt ohne Rückgriff auf den Notarztdienst erfüllen kann und ob nicht gerade hier eine Kooperation zwischen beiden Systemen notwendig ist. 

Eine weitere Forderung von Prof. Dr. Ahnefeld, die in den Diskussionen aufgegriffen wurde war die Forderung nach einer gesetzlichen Festschreibung der Hilfsfrist. Sie definiert sich anhand der medizinischen Vorgaben und beinhaltet die Zeit vom Beginn der Meldung an die Rettungsleitstelle bis zum Eintreffen des ersten Rettungsmittels beim Patienten. Dabei ist eine Hilfsfrist von maximal 15 Minuten anzustreben. Eine solche gesetzliche Hilfsfrist ist aber nur für den Rettungsdienst und Notarztdienst bei lebensbedrohlichen Erkrankungen vorgesehen, nicht aber bei den Akutfällen und dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst. Hier ist wohl eine Prioritätenfestsetzung notwendig. 

Des weiteren wurde festgehalten, daß im SGB V eigene Regelungen für den Rettungsdienst zu treffen sind, die die Entscheidungen des BGH und anderer Bundesgerichte einbeziehen. Dabei müssen die strukturellen Eckpfeiler des Systems festgelegt werden und gleichzeitig deutlich machen, daß der Rettungsdienst keine "Transportleistung" im Sinne des Gesetztes ist, sondern eine qualifizierte medizinische Leistung. Vor einem derartigen gesetzlichen Hintergrund ließen sich noch einige Kosten im Gesundheitswesen einsparen. 

Am zweiten Tag der Veranstaltung wurde über den Ärztlichen Leiter eines Notarztstandortes (ÄL-NaS) diskutiert. Herr Dr. Stratmann skizzierte das Aufgabenfeld. Zu seinen Aufgaben gehört die Ansprechbarkeit vor Ort für den Notarztstandort, die Sach- und Fachaufsicht über den Notarztstandort. Er trägt die Verantwortung für die Aus- und Fortbildung des Notarztstandortes und berät sich zusammen mit den Ärztlichen Leiter anderer Standorte bzw. dem Ärztlichen Leiter Rettungsdienst für den Rettungsdienstbereich über Fragen der rettungsdienstlichen Struktur und den Qualitätsmanagement. Herr Stratmann führte aus, daß zur Bewältigung dieses Aufgabenspektrums der Ärztliche Leiter eines Notarztstandortes den Fachkundenachweis Rettungsdienst, eine Facharztanerkennung in einem Fachgebiet mit notfallmedizinischem Bezug haben muß. Damit dieser Ärztliche Leiter das Weisungsrecht gegenüber allen am jeweiligen Standort eingesetzten Notärzte besitzt, muß er - gerade bei in einer Klinik angestellten Notärzten - eine leitende Position in der Klinik besitzen und vom Träger der Klinik für diese Aufgabe eingesetzt werden. 

Zum Abschluß der berufspolitischen Arbeitstagung wurde nochmals die Thematik "Fachkundenachweis Rettungsdienst- Zusatzbezeichnung Rettungsdienst" aus dem vergangen Jahr aufgegriffen. Herr Dr. Dirks informierte die Teilnehmer über die Entwicklung. So konnte auf Grund von generellen Überlegungungen zur Neustrukturierung der ärztlichen Weiterbildung nicht wie geplant das "Leinsweiler Konzept" der letztjährigen Veranstaltung beim Deutschen Ärztetag zur Beratung eingereicht werden. Es wurde festgehalten, daß inzwischen es neben dem Leinsweiler Konzept in einigen Ärztekammern noch weitere Vorschläge bestehen. Nach einer intensiven Diskussion wurde als weitere Vorgehensweise festgelegt, daß erneut eine Konsensuskonferenz in Analogie zur Erarbeitung eines bundeseinheitlichen Curriculums für den Fachkundenachweis Rettungsdienst einberufen wird. Diese Konsensuskonferenz erstellt eine beschlußfähige Vorlage für eine Zusatzbezeichnung Rettungsdienst, die dann dem Deutschen Ärztetag vorgelegt wird. Nach Annahme dieser Vorlage durch den Deutschen Ärztetag könnten dann die einzelnen Ärztekammern diese bundesweite Vorlage ggf. mit einigen Modifikationen nach oben verabschieden. Die Vertreter der beteiligten Ärztekammern erklärten sich mit dieser Vorgehensweise einverstanden.

Insgesamt brachte dieses berufspolitische Seminar wieder sehr interessante und offene Diskussionen und neue Impulse für die berufspolitische Weiterentwicklung auf dem Gebiet der präklinischen Notfallmedizin. Auch 1999 wird aller Voraussicht nach sich wieder ein berufspolitisches Seminar der AGSWN mit aktuellen berufspolitischen Fragen der Notfallmedizin befassen. 

Dr. S. Otto 
Pressereferent der AGSWN