Empfehlungen der agswn zum Interhospitaltransport

Die Spezialisierung der Krankenhäuser sowie die Konzentration besonderer Diagnostik- und Therapieverfahren in Krankenhäusern der Schwerpunkt- und Maximalversorgung wird zu einer deutlichen Zunahme der Interhospitaltransporte führen. Aus organisatorischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind Vorsorgemaßnahmen im Rahmen des Rettungsdienstes notwendig, um für diese Anforderungen gewappnet zu sein. Die Arbeitsgemeinschaft der Südwestdeutschen Notärzte möchte mit Ihren Empfehlungen zum Interhospitaltransport die personellen und strukturellen Voraussetzungen eines notfallmedizinisch adäquaten Interhospitaltransportsystems definieren.


VORBEMERKUNGEN

Der Interhospitaltransport ist integraler Bestandteil des Rettungsdienstes und muß im Rettungsdienstplan der Bundesländer Berücksichtigung finden. Ziel muß eine flächendeckende Versorgung – sowohl mit der Möglichkeit eines bodengebundenen Interhospitaltransfers wie auch mit Intensivtransporthubschraubern – sein. Arztbesetzte Primärrettungsmittel eines Rettungsdienstbereiches dürfen grundsätzlich nicht für Interhospitaltransporte eingesetzt werden, weil durch die lange Transportdauer der Rettungsdienstbereich notärztlich unterversorgt ist.

Anforderungen für einen Interhospitaltransfer müssen über die örtlich zuständige Rettungsleitstelle erfolgen. Die Frage der zentralen Disposition der speziellen Rettungsmittel (ITW/ITH) kann entsprechend der unterschiedlichen Rettungsdienststrukturen nur landesintern erfolgen; eine länderübergreifende Zusammenarbeit, z.B. bei Intensivtransporthubschraubern, kann jedoch sehr sinnvoll sein. Der Interhospitaltransfer unterliegt ebenfalls ärztlicher Qualitätssicherung (ärztlicher Leiter Rettungsdienst 'ÄLRD').


PERSONELLE VORAUSSETZUNG

a)  Ärztliche Transportbegleitung: 
     Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfiehlt
     zur ärztlichen Qualifikation bei Intensivtransporten1,2): 

     1. 30 Monate klinische Weiterbildung in einem Fachgebiet mit intensivmedizinischen
         Versorgungsaufgaben. 
     2. Sechs Monate Vollzeittätigkeit auf einer Intensivstation. 
     3. Fachkundenachweis Rettungsdienst bzw. Zusatzbezeichnung Notfallmedizin / Rettungsmedizin. 
     4. Kurs Intensivtransport.

     KURS INTENSIVTRANSPORT (zeitlicher Umfang 20 Stunden) 
  
     1. Flugphysiologische Spezifika des Lufttransportes (Theorie)  2 Stunden 
     2. Darstellung ausgewählter, häufiger Krankheitsbilder im Bereich des boden- und 
         nicht-bodengebundenen Intensivtransportes an Fallbeispielen (Theorie) 4 Stunden 
     3. MPG-Einweisung der häufigsten medizintechnischen Geräte im Bereich des Intensivtransfers
         (Theorie und Praxis) 4 Stunden 
     4. Einweisung in die häufigsten Transportmittel des boden- und nicht-bodengebundenen
         Intensivtransportes (Theorie und Praxis) 4 Stunden 
     5. Flugsicherheitstechnische Unterweisung mit Abschlußprüfung (Theorie und Praxis) 4 Stunden 
     6. Qualitätssicherung – Dokumentation – EDV nach Standard (Theorie) 2 Stunden

Im Sinne der Qualitätssicherung geht die DIVI davon aus, dass die Kurse Intensivtransport unter Aufsicht der Landesärztekammer durchgeführt werden. Aus Sicht der agswn müssen wegen der Bedeutung und Häufigkeit bodengebundener Intensivtransporte die Inhalte des Kurses 'Intensivtransport' entsprechend überarbeitet werden. 
  
1) Sektion  Rettungswesen und Katastrophenmedizin (SRK) der DIVI A & I (1997), 38: 261 
2) Durch die Einführung der Zusatzbezeichnung „Notfallmedizin“ in einigen Bundesländern wird als
    Voraussetzung eine 30-monatige klinische Tätigkeit gefordert. Eine Anpassung der DIVI-Empfehlungen
     in diesem Punkte ist wünschenswert.


b)  Rettungsdienstpersonal / Intensivpflegepersonal 

Wegen der speziellen Anforderungen, die bei Interhospital- / Intensivtransporten gegeben
sind, muß auch das Rettungsdienstpersonal über eine Zusatzqualifikation verfügen. 
Die Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Notärzte empfiehlt zur Qualifikation des
Rettungsdienstpersonals: 

1. Die Vollausbildung zum Rettungsassistenten. 
2. Eine dreijährige Tätigkeit als Rettungsassistent. 
3. Eine Hospitation für 14 Tage auf einer Intensivstation (zwei Blöcke á 1 Woche) 
4. Den Besuch eines Kurses für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in IntensivtransportInhalt des Kurses „Intensivtransport für Rettungsassistenten“: 

Es müssen die wesentlichen Kenntnisse und Fähigkeiten für den reibungslosen und komplikationslosen Interhospitaltransport von vital gefährdeten Intensivpatienten vermittelt werden. Dazu zählen: 

1. Kompetenzbereiche der am Transfer beteiligten Berufsgruppen und Personen (Intensivpflegepersonal, 
    überweisender Arzt, transportbegleitender Arzt, Rettungsdienst-Fachpersonal. aufnehmender Arzt, 
    Leitstellenpersonal) 
2. Rechtliche Grundlagen im Rahmen des Interhospitaltransportes (Weisungsrecht,
    Übernahmeverschulden, Haftungsfragen) 
3. Vorbereitung des Transportmittels auf einen bevorstehenden intensivmedizinischen
    Interhospitaltransfer 
4. Besonderheiten des Übergabegespräches bei Intensivpatienten 
5. Fachgerechte Übernahme des Patienten aus der überweisenden Klinik. 
6. Handhabung der intensivmedizinischen Ausrüstung 
7. Grundzüge des intensivmedizinischen Monitoring und der Dokumentation 
8. Komplikationsmanagement während des Transportes 
9. Pflegerische Maßnahmen im Interhospitaltransport 
10. Fachgerechte Anmeldung und Übergabe des Patienten in der aufnehmenden Klinik

INTENSIVPFLEGEPERSONAL 
Ein Rettungsassistent/-in kann bei der Besetzung des bodengebundenen Rettungsmittels durch eine
Fachschwester / einen Fachpfleger für (Anästhesiologie) Intensivmedizin / Kinder-Intensivmedizin ersetzt
werden. Die Fachpflegekraft muß allerdings auch über Kenntnisse im Rettungsdienst verfügen und – analog
der Hospitation der Rettungsdienstmitarbeiter auf der Intensivstation – eine Hospitation für 14 Tage im
Rettungsdienst absolviert haben. Die anderen Voraussetzungen zur Qualifikation gelten analog. 
  

ABLAUF
Die Anforderung für einen Interhospitaltransport erfolgt grundsätzlich durch den behandelnden Arzt
im abgebenden Krankenhaus bei der zuständigen Rettungsleitstelle. Die Auswahl des geeigneten 
Transportmittels bzw. die Frage, ob der Transport boden- oder luftgebunden durchgeführt werden soll,
erfolgt mittels folgendem Algorithmus:

 
    
Grundsätzlich muß vor der Disposition des Rettungsmittels ein direkter Kontakt zwischen dem abgebenden Krankenhausarzt und dem transportbegleitenden Arzt (Arzt-Arzt-Gespräch) stattfinden um notwendige
Informationen für die organisatorische Vorbereitung des Transportes weiterzugeben. 
Zur besseren Orientierung eignet sich ein einfacher Fragebogen (DIVI-Intensivtransportprotokoll
oder separates Protokoll).

BERATENDER ARZT

Bei zentraler landesweiter Disposition der Interhospitaltransporte sollte den Rettungsleitstellen
ein Ärztlicher Berater zur Verfügung stehen. Qualifikationsvoraussetzungen sind
(zusätzlich zu den für die ärztliche Transportbegleitung geforderten):

  • Facharzt eines Fachgebietes mit intensivmedizinischen Versorgungsaufgaben
    (fakultative Weiterbildung Intensivmedizin wünschenswert)
  • Erfahrener Notarzt
  • Spezielle Kenntnisse sowohl im Bereich der bodengebundenen Transporte
    als auch im Bereich der Luftrettung.

Der die Leitstelle beratende Arzt hat folgende Aufgaben:

  1. Beratung der Leitstellendisponenten bei unklarer Diagnose oder unklarer Indikation
      zur Verlegung des Patienten. 
  2. Rücksprache mit dem abgebenden oder aufnehmenden Arztes bei unklaren Diagnosen. 
  3. Beratung und Abklärung, ob ein Transport boden- oder luftgebunden durchgeführt werden soll. 
  4. Abklärung jedes luftgebundenen Sekundärtransportes in der Nacht. 

DOKUMENTATION

Eine möglichst exakte Dokumentation ist Grundlage und unabdingbare Voraussetzung für jede Qualitätssicherung. Entsprechend den Vorgaben der notärztlichen Dokumentation auf dem DIVI-Notarztprotokoll, Version 4.0, wird derzeit eine Dokumentationsempfehlung für den Interhospitaltransport (inklusive MIND-Interhospitaltransport) von der DIVI erarbeitet.

INDIKATIONEN FÜR DEN INTERHOSPITALTRANSPORT

  1. Transport von Intensivpatienten von der Intensivstation eines Krankenhauses zu der
      Intensivstation eines anderen Krankenhauses. 
  2. Transport von Intensivpatienten von der Intensivstation eines Krankenhauses zur 
      Spezialdiagnostik oder Spezialbehandlung. 
  3. Transport von Patienten, bei denen ein mit den Mitteln der Notfallrettung erfolgender  Transport
      eine Gefährdung der Vitalfunktion oder eine medizinisch nicht vertretbare Verschlechterung des 
      Gesamtzustandes erwarten läßt. 
  4.  Interhospitaltransfer von nicht vital gefährdeten Patienten (Transport über größere
       Entfernungen, Nutzung der besonderen Möglichkeiten des ITW / ITH), wenn dies medizinisch
       indiziert und wirtschaftlich vertretbar ist.

Perakute Interhospitaltransporte müssen wegen der systembedingt längeren Vorlaufzeit abweichend
von diesen Empfehlungen durch einen qualifizierten Arzt der verlegenden Klinik in einem Fahrzeug
des Rettungsdienstes begleitet werden. 
 

NACHTEINSÄTZE DES ITH

Intensivtransportwagen stehen in der Regel ohne tageszeitbedingte Einschränkungen zur Verfügung. Bei Nachteinsätzen mit dem Hubschrauber sind Einschränkungen und zusätzliche Anforderungen zu berücksichtigen. Nachteinsätze werden aufgrund des damit im Einzelfall verbundenen, wesentlich höheren Flugrisikos nur bei unaufschiebbaren Verlegungen von Patienten mit akut lebensbedrohlichen Verletzungen und Erkrankungen und nur dann, wenn der bodengebundene Transport zu lange dauern würde,  durchgeführt. Voraussetzung ist, dass der zu verlegende Patient in der aufnehmenden Klinik von einem unmittelbaren diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen profitiert.

Medizinische Indikationen für Nachtverlegungsflüge können insbesondere sein:

  • akute neurochirurgische Notfälle, intrazerebrale Blutungen
  • schweres Schädel-Hirn-Trauma
  • Wirbelsäulenverletzungen mit progredienten neurologischen Symptomen
  • Replantationen
  • Organtransplantation
  • perinatale Notfälle

Selbstverständlich gibt es weitere medizinische Indikationen, die nicht gesondert aufgeführt werden können, so dass hier nur eine beispielhafte Zusammenstellung gegeben ist. Die Indikationsstellung erfolgt im Zweifelsfall durch den ärztlichen Berater. Bei Nachteinsätzen ist eine Vorlaufzeit von 30 Minuten einzuplanen.

Minimaler Datensatz Interhospitaltransfer ist im MIND2 integriert. Hier als .pdf-Datei.

  
Für die Arbeitsgruppe

Dr. med. H.-J. Hennes 
Klinik für Anästhesiologie 
Johannes Gutenberg-Universität Mainz